Ein Rückblick - Meine persönliche Geschichte zum Stillen

Bild von Stillerfahrung

Ich habe etwas mit mir gerungen, aber möchte letztlich doch hier meinen Beitrag veröffentlichen. Mag sein, dass nicht jede Mutter oder Frau meiner Meinung ist, aber das ist vollkommen ok. Und wenn Ihr andere Erfahrungen gemacht habt und mir etwas dazu schreiben wollt, auch ok :)
Also hier meine kleine Stillgeschichte:
Heute, fast fünfzig jährig, sitze ich manchmal in einer stillen Minute zu Hause, und schaue auf die Bilder meiner Kinder, die in fast allen verschiedenen Altersstufen in schönen Bilderrahmen von Wänden, Regalen und Sideboards lächeln. Mit dem Abstand der Jahre frage ich mich oft: hat sich der Anfang gelohnt, war es das wert?
Meine Kinder kamen bei im Abstand von zwei Jahren als ganz normale, spontan Geburt zur Welt. Rosig und voller Käseschmiere, schreiend nach Mutters Brust wurden sie mir in den Arm gelegt. Voller Elan und sehr motiviert fing ich direkt an, die kleinen, hungrigen Mäulchen zu stopfen. Die ersten Tage waren eine Tortour… keine Milch, wunde Warzen, Milcheinschuß, wütende, unzufriedene, fordernde Schreihälse, die einfach nicht satt zu kriegen waren.
Dann noch der Hormonabfall, Baby Blues, unendliche Müdigkeit und Lärm, Lärm, Lärm, Schreie, Schreie, Schreie…
Im Nachhinein eine Horrorzeit. Und zu alledem noch ein Zungenbändchen, dass es meiner Tochter unmöglich machte, die Warze richtig mit der Zunge zu umschließen. Resultat: Milchstau, Schmerzen, Mastitis, keine Anregung, wenig Milch, Resignation und letztlich dann die Depression.
Tausend Ratschläge von Außerhalb: "hör einfach auf, das Kind braucht was richtiges aus der Flasche" Diese dumme Plörre, versteht es einfach nicht richtig zu saugen, das klappt niemals!
"Du hast versagt" hämmert es in meinem Kopf. Meine kleine, süße Maus, mein Baby, das, wofür es sich zu leben lohnt, das Produkt einer besonderen Liebe, jetzt und für immer. Ich hasste all die, bei denen es im Bekanntenkreis so gut klappte. Alles easy. Ist so praktisch. Immer dabei, immer gut temperiert, das Beste eben. Stopp, ich konnte nicht mehr!
Das war Selbstverstümmelung.
Ich wollte aber auch das Beste für meinen Schatz. Aber wie? Ich weigerte mich einfach aufzugeben. Mein Kind sollte auch alle Vorzüge haben, gewappnet sein gegen alle Krankheiten, schlauer werden, als alle anderen, nicht dick im Erwachsenenalter, gesund und ein niedriges Krebsrisiko haben, eine gute Ausbildung der Gesichtsmuskulatur, gute Zahnstellung, einfach alles, was einen besonderen Start ermöglicht.
Mehr Chancen, als alle anderen. Einfach das gewisse Supergetränk für einen Superstar!
So gab ich nicht auf: ich besorgte mir eine Milchpumpe und pumpte ab. Um wieder Milch zu produzieren, stündlich. Das heißt, zehn Minuten rechts, zehn Minuten links, Pumpset spülen, sterilisieren, dreißig Minuten Zeit wieder zu pumpen. Nach einigen Tagen kannte ich jeden Strauch, jedes Blatt, jede Wolke, durch den stündlichen Blick aus dem Wohnzimmerfenster. Einladungen, Besorgungen oder auch nur ein Spaziergang, der länger als eine Stunde dauerte waren nicht möglich. Oder ertrug ich nur mit Ungeduld, panisch, nicht rechtzeitig an die lebenserhaltende Milchpumpe zu gelangen und somit nicht genug Nahrung für mein Baby zu produzieren.
Nachts wachte sie alle Stunde auf und ich legte sie an. Da klappte es seltsamerweise. Durch die Ruhe, das abgedunkelte Licht oder einfach nur , weil sie so die Nähe und Wärme von Mamas Haut und ihr Herz schlagen hörte.
Wenn ich dann über ihr Köpfchen streichelte und ihre kleinen Händchen meine Haut berührten, dann schöpfte ich wieder Kraft und habe gewusst, wofür ich das alles mache.
Mit der Zeit spielte sich alles so ein. Mein Mann kannte mich nur noch pumpend. Das rhythmische Geräusch der Milchpumpe erfüllte das Haus und unser Baby wuchs und wuchs.
Sie bekam sogar ihren Brei mit Muttermilch. So ging es Tag für Tag, Monat für Monat weiter.
Sie gedieh so prächtig, dass der Kinderarzt mir sogar die Gabe von Muttermilch untersagte.
Angeblich mästete ich sie so sehr, dass sie vermutlich mit einem Jahr (Zitat) "nicht mehr durch den Türrahmen passt".
Ich ließ mich aber nicht beirren. Ich schaffte es sage und schreibe achtzehn Monate lang. Jetzt gab es das Problem, dass ich nicht mehr loslassen konnte. Da es mir aber gesundheitlich immer schlechter ging (Schlafmangel, Gelenkschmerzen) setzte ich mir ein Limit und hörte dann einfach auf. Es war wie Abschied nehmen, ja, wie plötzlich nicht mehr gebraucht werden. Ich machte eine richtige Trauerphase durch.
Danach schwor ich mir, nie wieder mache ich mich so abhängig von jemandem oder andersherum jemanden so abhängig von mir.
Es dauert drei Jahre, da kam mein Sohn zur Welt. Schon war ich wieder unter Druck. Auch er sollte das allerbeste bekommen. Keinen Nachteil haben.
Die gleichen Chancen wie meine Tochter.
Vier Monate hielt ich das Stillen am Busen durch. Danach wieder Psychostress, Versagensängste und depressive Phasen. Somit keine andere Wahl: gleicher Ort, gleiches Prozedere, andere Pumpe.
Diesmal schaffte ich es tatsächlich ganze neunzehn Monate zu pumpen! Geschafft, nie mehr in meinem Leben muss ich wieder stillen!
Mit dem Abstand der Jahre kann ich gelassener mit dem Thema umgehen. Ich bin stolz, solange für meine Kinder durchgehalten zu haben. Ich kann sagen, ich habe alles gegeben. Ich war dem Start in ein gutes Leben nicht im Weg gestanden. Ich habe meine Pflicht erfüllt. Meine Tochter ist hochbegabt und mein Sohn tut es ihr nicht minder nach.
Beide haben keine Allergien und waren noch nie ernsthaft krank. Beide sind groß und sehr schlank. Ihre Gesichter sind wohlgeformt und Ober- und Unterkiefer gut ausgebildet. Beide haben nicht an Schnuller und an Daumen gelutscht. Sie haben eine extrem starke, liebevolle Bindung zu mir und sind auf der anderen Seite aber auch mutig und selbstbewusst. Beide haben bis zu ihrem dritten Lebensjahr in meinem Bett geschlafen. Sind dann ohne Probleme in eigene Zimmer umgezogen. Beide sind einfach wundervoll.
Manchmal frage ich mich, ob es ohne Muttermilch auch so verlaufen wäre.
Ich glaube nicht :)
Mit meiner ganz persönlichen Geschichte rund um meine Kinder und das damit verbundene Stillen möchte ich Euch Mut machen. Nicht aufgeben und es lohnt sich zu kämpfen!
LG

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Bild von stillmami

Hallo Stillerfahrung,
ich finde es ganz toll und mutig, dass du hier so offen und ehrlich deine Geschichte niedergeschrieben hast!
Sicherlich findet man die ein oder andere Situation wieder, die einem vielleicht selbst bei Stillen wieder fahren ist oder Probleme bereitet hat.
Trotz allen ist Stillen ein gute Sache und ich würde es immer verteidigen! Man darf es aber nicht fordern oder erwarten. Lasst es einfach passieren ;)
LG

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