Geboren, wo ich zu Hause bin -ein Bericht einer etwas anderen Hausgeburt

Bild von Doula Navina Salomon

Geboren, wo ich zu Hause bin -ein Bericht einer etwas anderen Hausgeburt ...

Suri Onta –eine Liebesgeschichte + 17.10.2010 geb. 23.10.2010

Ich habe die unmenschlichen Erlebnisse, die dem Ende dieses Weges folgten, zuerst aufgeschrieben (folgen unten). Somit kann ich nun freier unsere Geschichte mit einem traurigen Abschied, aber wunderschönen Weg erzählen.

Wir waren alle sehr glücklich, dass sich nun ein weiteres Kind auf den Weg in unsere Familie machte. Der positive Schwangerschaftstest brachte die Bestätigung. Es setzte keine Übelkeit ein und ich dachte schon, dieses Mal wirst du wohl verschont bleiben. Doch zum Ende des 3. Monats kam sie doch und blieb einige Wochen. Erst ungefähr zwei Wochen vor der Geburt hörte es auf. Also wieder so lang, wie in allen meinen Schwangerschaften: 2 Monate Brechreiz im Hals stehend. Bäh! Sonst ging es mir super, wie eh und je in jeder Schwangerschaft. Ich steckte in meinen Projekten. Schön war, dass eine Bekannte ebenfalls zur gleichen Zeit von ihrer Schwangerschaft erfuhr und wir uns beide austauschten und freuten. In etwa der 6. Woche verlor sie ihr Kind und es machte mich gleichsam mit traurig.

Ich telefonierte mit einer Doulaschwester, die gerade von einer Geburtsbegleitung kam. Wir kamen auf die Idee, dass sie zum Ende meiner Schwangerschaft vielleicht für eine Woche zu mir kommt und wir einfach schwanger sind: massieren, reden, meditieren…es uns gut gehen lassen und das Kind schon im Bauch feiern. Es war eine so wunderbare Idee. Ich freute mich auf eine weitere runde Schwangerschaft, Hausgeburt und auf meine tolle Hebamme. Den Gyn ließ ich vorerst aus. Es ging mir einfach gut. Vorsorgetermine vereinbarte ich mit meiner Hebamme. Ende Oktober wollte ich dann einen Ultraschall beim Gyn machen, um zu schauen, ob es auch dieses mal Zwillinge sind. In meiner letzten Schwangerschaft hat sich Ednas Zwillingsschwester Edita in der 19. Woche dann in die Plazenta verkrümelt und sich so von uns verabschiedet. Zwillinge wären so schön!

So langsam kam ich auch innerlich in meiner Schwangerschaft an. Anfang Oktober habe ich mich mit meiner Hebamme getroffen und es war alles wie erwartet in Ordnung. Mittlerweile spürte ich die ersten kleinen Bewegungen klar und klarer. Ganz sacht fing an, sich ein erster kleiner Bauch zu zeigen. Ich traf mich mit einer weiteren Freundin, die einen Dokufilm über Hausgeburten dreht. Wir überlegten, wie wir diese Geburt mit einbinden könnten. Dann folgte ein Nacht, in der ich aufs Klo musste: dünne Streifen Blut am Papier. Mir war sofort klar, was das heißt. Ich habe bereits den Tag über gemerkt, dass irgendetwas in mir stoppte. Ja, es war wie ein Stoppzeichen in mir. Der nächste Tag war wieder gut. Doch zum Abend hin verlor ich auf einer Rückfahrt im Zug plötzlich noch mal einen Schwall Blut. Wie bei einer plötzlich einsetzenden Regel. Es war so deutlich und ich war bereits auf dem Abschiedsweg, weil ich wusste, dass mein Kind mir sagte: „Mama, es ist noch nicht meine Zeit!“ Es war weder traurig, noch überraschende. Es war einfach so viel Klarheit da. Als ich nach Hause kam, überlegte ich mit meinem Mann, wer für die Kinder kommen könnte, weil wir ins Krankenhaus fahren müssten. Es war Sonntag und ich wollte gern einen Ultraschall machen lassen. Die Kinder wollten wissen, was los sei. Man merkte sehr deutlich, dass sie sich dolle Sorgen machten. Vor allem unsere 6-Jährige fragte, wie es dem Baby ginge und kuschelte sich an meinen Bauch. Ich konnte und wollte ihr in diesem Moment noch nichts sagen.

Sven hatte Angst und weigerte sich den Gedanken zuzulassen, dass das Kind tot sein könne. In der Notaufnahme (am 17.10.2010) werden wir gleich in den Kreißsaal verwiesen. Dort herrschte Ruhe, alle Kreißsääle schienen leer zu sein und wir durften gleich vorn in das Ärztezimmer gehen. Eine junge Ärztin kam gleich. Es entwickelte sich ein ruhiges nettes Gespräch. Sie fragte alles Mögliche rund um meine Schwangerschaft ab, wie die Blutung war, wie es mir ginge. Eine Urinprobe wollte sie und anschließend wies sie mich nach nebenan, um den Muttermund untersuchen und Abstriche nehmen zu können. Sie gab sich sehr viel Mühe, jeden Schritt auch für Sven erklärlich zu machen. Es war eine angenehm entspannte Atmosphäre. Die Ärztin und ich machten uns lustig über den neuen HightechGynStuhl, der automatisch nach oben fahren konnte und nie die richtige Größe für die „kleine“ Ärztin hatte. Sie stellte fest, dass ganz leicht frisches Blut durch den doch noch fest verschlossenen Muttermund floss. Dabei klärte sie mich über alle Analysen auf, für die die Abstriche entnommen wurden und wen die Krankenkasse was bezahlte. Vom Stuhl entlassen sollte ein Ultraschall folgen. Ich lag entspannt auf der Liege, auf der ich mich eine Woche später unter Schmerzen fast eine Stunde lang quälenden Fragen stellen sollte. Das Kind war schnell zu finden, auch wenn die Bilder anfangs eher undeutlich waren. Ich wusste bereits bei den ersten Bildern: dieses Kind lebt nicht mehr! Die Bilder hatten einfach einen Überzug des Todes. Und doch wirkte es so friedlich. Die Ärztin versuchte, verschiedene Einstellungen im Bild. Sven fragte, was denn da nun seie. Er konnte nicht wirklich etwas erkennen. Darauf konnte die Ärztin erst einmal nicht antworten und auch Sven wusste, was das hieße. Nach einer Weile sagte sie, dass es selten sei, dass sich ein Kind so gar nicht bewege. Sven meinte, na dann schlafe es vielleicht. Das verneinten die Ärztin und ich im gleichen Atemzug. Nun fing sie an ihm zu erklären, wie ein Kind auf welchen Druck des Ultraschallkopfes eigentlich reagiere und was sich sonst immer bewege. Sie schaute und schaute. Der Ultraschallkopf wanderte unentwegt über meinen Unterbauch. Sie maß die Wirbelsäule und meinte, es sei zwischen 11 und 13 cm. Genauer könne sie es irgendwie nicht festlegen. Sie versuchte den Blutfluss farblich darzustellen. Und auch hier war wieder alles so deutlich! Erst als Sven fragte, ob denn nun alles ok sei, sagte sie nach einem Moment mit ebenfalls leicht zitternder Stimme, dass das Herz definitiv nicht schlage. Es war für einen Moment, als lägen die Ärztin und ich uns im Arm, so warm und traurig war dieser eine Moment. So klar! Sven war ganz still. Mir liefen die Tränen. Die Ärztin versuchte hoffnungslos sehr genau, doch noch ein Lebenszeichen mit dem Ultraschall zu sichten und diese Klarheit nach ewigem Suchen hatte etwas Friedliches. Es war so schön, dass auch die Ärztin ganz in Ruhe durchatmete.
Nach einem Moment des Zusichkommens und den Eingaben in den PC kamen Fragen, wie es nun weiter ginge. Als erstes erklärte mir die Ärztin, dass meine Werte, die bis jetzt festgestellt werden konnten, alle in Ordnung seien. Weiter erklärte sie, dass sie mich jetzt dann einweisen würde und morgenfrüh könne eine Ausschabung erfolgen. So könnte ich nachmittags bereits wieder zu Hause sein. Sven und ich schauten uns an und diese Momente waren die einzigen, in denen es mir wirklich schlecht ging. Eine Ausschabung käme für mich nur in Frage, wenn es wirklich notwendig ist. Und das Zeitfenster, in der eine Entscheidung fallen sollte, war mir einfach so irre eng. Ich erklärte es der Ärztin mit zittriger Stimme, dass es mir sehr wichtig ist, meinen Körper arbeiten zu lassen, so weit es mir gut ginge und fragte nach Alternativen. Sie hörte mir sehr aufmerksam zu und meinte, sie könne gut verstehen, dass mir dieser Weg wichtig sei. Zeit zum Überlegen hätte ich auf jeden Fall noch, weil es mir ja gut ginge. Sie wolle sich noch mal beraten. Also ging sie raus und Sven und ich waren uns sofort einig: Keine Ausschabung, wenn es nicht wirklich notwendig ist. Unser Kind wird natürlich geboren!
Die Ärztin kam zurück und erklärte in ruhigem Ton, dass sie solch einen Fall noch nicht hatten. Aber wenn ich das Kind mit Wehen gebären möchte, gäbe es die Möglichkeit, mit Zäpfchen den Muttermund aufzuweichen. Da dieser noch sehr fest sei, könnte das schwierig sein. Auf jeden Fall würde auch danach eine Ausschabung angesetzt werden, weil immer etwas zurück bleiben und später entarten könne. Aber dann könne das Kind eben den ursprünglichen Weg der Geburt gehen. Ich sagte, ja, aber mein Körper sei jetzt noch nicht auf dem Weg, das Kind zu entlassen. Und wir bräuchten für uns einfach noch Zeit. Ich erklärte ihr, dass ich nicht wisse, was ich meinen Kindern erzählen sollte, wenn ich einfach nach einer Ausschabung nach Hause käme und die Frage kommt: „Mama, ist das Baby noch im Bauch?“ Sie verstand sehr gut, dass es mir wichtig war, den Prozess selbst spüren zu müssen. Es war so viel Raum für meine Gedanken und Gefühle und ich war in diesem Moment so dankbar, auf solch eine Ärztin getroffen zu sein. Ich fragte, wie die Möglichkeit bestünde, mich mit meinem Gyn kurz zu schließen und den Prozess überwachen zu lassen um ggf. das Kind zu Hause zu gebären. Sie ging nochmals. Ich glaube, sie recherchierte Alternative Statistiken. Denn als sie zurückkam, meinte sie, die Quoten, dass diese Geburt gesund verläuft und keine Folgeprobleme –über die sie mich auch aufklärte- auftreten, lägen im gleichen Bereich, wie bei einer normalen Geburt oder einer Kürretage. Die Zahlen in klassischen Medizinbüchern würden häufig an „schwierigen Fällen“ gemessen und müssten beim gesunden Menschen nicht immer als Maß aller Dinge genommen werden. Es sei wichtig, dass ich auf mich achte, kein Fieber auftrete, starke Kopfschmerzen oder Schwindel. Dann sei einem Eingriff doch nicht mehr aus dem Weg zu gehen. So könne sie mich erstmal gegen Unterschrift entlassen.

Als wir vor dem Kreißsaalbereich auf den Brief der Ärztin für meinen Gyn warteten, kam der Oberarzt, der mich schon kritisch musterte. Wir hatten bereits in vergangenen Jahren einige Male nicht gerade nette Unterhaltung, weil sehr gegensätzliche Anschauungen. Als die Ärztin mir den Brief gab, bedankte ich mich nochmals für dieses herzliche, kompetente und sehr respektvolle Gespräch. Sie meinte, es sei wichtig bei unterschiedlichen Anschauungen und erst recht bei einer so schweren Thematik einen gemeinsamen Weg zu finden. Ich sagte, dass es leider nicht selbstverständlich sei, als Patient auch im seelischen Bereich von einem Arzt ernst genommen und respektvoll behandelt zu werden. Sie meinte, der Oberarzt sähe das auch sehr anders und könne es gar nicht verstehen. Ich musste schmunzeln. Ja, sagte ich, mit ihm hätte ich wohl auch ein recht herbes Gespräch hinter mich bringen müssen. Daher bin ich umso dankbarer, auf eine Ärztin getroffen zu sein, die die Möglichkeit eines sanften Abschiedes ohne Vorwürfe begleitend einfach bestehen lässt.
Ich freute mich über den Mut dieser Ärztin, die in einer Klinik arbeitet, in der durchaus ein anderer Wind weht.

Rabea (6) fragte wie erwartet gleich, ob das Baby noch im Bauch sei. Und ich konnte ihr ganz einfach mit einem Ja antworten. Das tat gut. Denn dort gehörte unser Kind auch einfach noch hin. Am nächsten Nachmittag gingen die Fragen weiter: wie groß es jetzt sei und wie es ihm ginge, wie groß es werden würde. Nun konnte ich ihnen ganz langsam erzählen, dass unser Baby nicht mehr wachsen wird. Stück für Stück kamen mehr Fragen der Kinder. Wir saßen zusammengekuschelt und überlegten uns, wie wir das Baby empfangen, wenn es geboren wird. Ich organisierte eine kleine Kiste. Diese gestalteten wir nun an jedem Nachmittag ein Stückchen mehr. Wir sprachen dabei, wie traurig es ist und die Kinder meinten, dass es sehr schade sei, nun nicht mit dem Baby spielen zu können. Sie verglichen mit einer Puppe, wie groß es geworden wäre und wie groß es jetzt war. Edna, unsere Jüngste (fast 3) streikte. Sie wollte partout nicht akzeptieren, dass das Baby tot ist. Sie wurde richtig wütend. Ich vermute, dass sie unbewusst sich an den intrauterinen Verlust ihrer Zwillingsschwester erinnerte. Denn in ihrem Alter gehören Tot und Leben normalerweise ganz selbstverständlich noch zusammen. Es glich einem regelrechten Kampf gegen diese Tatsache. Vor allem sie brauchte die Zeit, um es annehmen zu können. Nach ein paar Tagen malte auch sie ein Bild für das Baby. Die zwei größeren zeichneten sich und die Natur, weil man sie ja unbedingt braucht und sehen muss. Und es gab viele gebastelte Papierherzen mit der Begründung, dass ein Herz ja für jeden sehr wichtig sei. Edna und Noah (fast 5) wollten gern ein kleines Kuscheltier mit in die Kiste legen. Sie beklebten ihre Kunstwerke auf der Kiste mit sehr viel Klebestreifen, weil die Erde die Bilder nicht kaputt machen sollte. Und ein Familienfoto sollte mit rein. - Weil es uns nicht vergessen darf, sagte Rabea. Sven und ich suchten einen Namen. Den ersten Namen fand Rabea so doof, dass wir mit ihr verhandelten. Sie meinte, ein so kleines Baby muss unbedingt Sara heißen. Da wir eine Sara in der Familie haben, ließ sie sich darauf ein, die jiddische Form zu nehmen. So konnte sie Sara auf die Kiste schreiben und wir den eigentlichen Namen unseres Kindes: Suri Onta –die Rote Rose und der kleine Stern. Falls wir bei der Geburt erkennen sollten, dass es doch ein Junge war, hatten wir auch noch einen Jungennamen ausgesucht. Denn ob Mädchen oder Junge wollten wir dieses Mal gar nicht wissen. Unser einstimmiges Gefühl in der Familie sagte: Mädchen.
Wir überlegten, welcher Platz im Garten der schönste sei und dass wir unbedingt einen tollen Obstbaum drüber pflanzen sollten. Ich wollte so gern, dass es von den Wurzeln eines Baumes bis in den Himmel klettern kann. Sven wünschte sich, dass der erste bereits gekaufte Body mit ins Kistchen kommt. Ich wollte gern die Klangstäbchen mit in den Baum hängen. So hatte jeder seine Zeit und Raum, um auf seine eigene Art Abschied nehmen zu können. Ich liebte diese Tage. Und ich war so zuversichtlich, dass alles gut ist, wie es ist.
Rabea kam traurig aus dem Hort, weil eine Erzieherin ihr sagte, man dürfe kein Baby im Garten vergraben. Sie war total irritiert, weil sie dachte, nun tut sie etwas Verbotenes. Ich konnte nicht verstehen, wie man in einem solchen Falle nicht vielleicht vorerst mit den Eltern spricht und ein Kind in Trauer mit Redebedarf so verunsichert. Nach einem gemeinschaftlichen Gespräch war klar, dass es erlaubt war und Rabea wieder glücklich.

Ein recht komplizierter Akt war die ganze Betreuungsabsicherung meiner „Tageskinder“. Nicht jeder Elternteil kann von jetzt auf gleich sein Kind abholen und ist auf seine eigene Arbeit angewiesen. Sven ist als rechtliche Betreuungsersatzperson eingeschrieben und von daher haben wir es so abgesichert, dass mit Einsatz der Wellen er jeder Zeit von seiner Arbeit weg kann und sich vorerst um die Tageskinder kümmert, bis sie von ihren Eltern abgeholt werden können. So hätte ich auch die Ruhe, mich voll und ganz zurückzuziehen –in unsere Familienhöhle- und mich auf meinen inneren Weg zu begeben.

Meine Hebamme stand mir telefonisch zur Seite. Ich fühlte mich so sicher in meinem Körpergefühl. Anjet meinte, die Zeit von 2 bis 3 Wochen ist eine normale Abnabelungszeit, die es dauern kann. So machte ich mir keinen Druck sofort beim Gyn zu erscheinen. Ich genoss die Zeit des Abschiedes. Sie enthielt so viel Kraft und Magie in sich. Und ich war in jeder Minute dankbar, diesen Weg gegangen zu sein. Es steckte so viel Liebe in den gemeinsamen Tränen so klar Gottes geborgene Hand um uns.

Sven vertraute meinem Körperwissen. Und doch war er verunsichert, als sich nach ein paar Tagen noch nichts tat. Es kam kein Blut weiter und keine wirkliche Wehe. Ich spürte, dass mein Körper sanft die ersten Wehen vorbereitete. Sven hatte Angst, es könnten sich Zellgifte absetzen und ich meinte, er solle mal mit Anjet telefonieren. Er sprach mit unserer Fachfrau, wie er sie nennt, eine Ewigkeit und kam sehr beruhigt zurück. „Ich weiß, dass du das kannst. Und es wird zu Hause geboren.“ sagte er. So trank ich immer mal wieder meinen Wehentee und hoffte, dass er nicht zu starke Blutungen nach der Geburt auslösen würde.

Am 23.10. setzten mittags langsam die ersten Wehen ein. Ich machte noch Mittag für unsere Kinder und das Tageskind, welches noch da war. Ich wusste, es ist noch einiges an Zeit. So legte ich die Kleinen anschließend schlafen und rief Sven an, ob er etwas eher von der Arbeit kommen könne. Ich wollte ihn einfach da haben. Vom ersten Moment der Entscheidung, diesen Weg zu gehen, wusste ich genau, was auf mich und meinen Körper zukommen kann. Ich wusste, dass mich die gleiche Kraft von Wehen treffen kann, wie bei jeder anderen Geburt. Meine letzten Geburten waren so tief und ekstatisch. Ich hatte keinen Vergleich zu Schmerzen. Nur an Urkräfte, auf die ich mich irgendwie freute. Ich begrüßte jede Welle, die sich durch meinen Körper aufmachte und war froh, wie stark die schönen Erinnerungen doch in mir konditioniert waren. Ja, ich muss sagen, dieser Aspekt war für mich als Wissenschaftlerin einfach interessant zu beobachten. Ich habe mich bewusst für diesen Weg entschieden. Mit dem Wissen, danach ein kleines Kind wieder Mutter Erde zurück zu geben. Ein Kind, mit dem ich einen kurzen Weg teilen durfte und welches meinen Horizont soviel weiter machte.
Die Wellen begannen durch meinen Körper zu schießen. Bekannt kräftig. Sven übernahm die letzten Minuten bis zum Abholen unser Tageskind. Ich konnte den Wellen dann nicht gut begegnen. Mich beschäftigte irgendwo im Kopf der Gedanke, was wird, wenn ich doch noch ins Krankenhaus muss. Allein dieser eine Gedanke war einfach eine Blockade und verschaffte mir so wohl die anstrengendste aller meiner Geburten. Mit den starken Wehen kamen nun schwallartige Blutungen. Sven half mir noch mal aufs Klo und ich verspürte bereits einen Pressdrang. Also wollte ich wieder auf die Coach. Wir riefen Anjet an, weil ich mir mit der Blutung nicht ganz sicher war. Sven beschrieb ihr alles und sie meinte, ich solle einfach pressen. Aus irgendeinem Grund traute ich mich nicht. Ich hatte mich kurz hingelegt und Sven überredete mich zu pressen. Ich sagte, ich müsse warten, bis ich mich traue. Nun konnte ich wieder eins werden mit meinen Wellen. Da war wieder mein alt vertrauter Rhythmus. Und ich war jede Sekunde so froh, in meinen eigenen vier Wänden zu sein. Sven legte eine wasserdichte Unterlage und ein Handtuch vor das Sofa. So konnte ich einfach runter auf die Knie rutschen und hocken. Er kam um die Ecke und als habe er nie etwas anderes gemacht stellte er sich hinter mich und strich mit voller Körperkraft meine unteren Rücken aus. Es tat so gut. Und es war die Übung aus meiner Doulaausbildung, die ich mir nie hätte vorstellen können, als angenehm zu empfinden. Ich konnte mich so in den ganzen Fluss der Wellen geben. Er solle nur nicht aufhören, sagte ich immer und immer wieder. Ein Blick nach unten verriet mir, dass die Plazenta bereits am durchsacken ist. Ich presste einfach und da war es: unser Kind, klein und zierlich. Wir sahen es erst, als wir alles umdrehten und in die weiße Baumwollwindel packten. Es lag ganz friedlich in seiner geschlossenen Fruchtblase. Ich war so stolz auf unsere Arbeit! Es ging mir so gut und ich war total glücklich. Unser Kind ist zu Hause geboren. Unsere anderen Kinder kamen und wollten schauen. Sie sagten tschüss, wie Kinder tschüss sagen: sanft, liebevoll und wissend. Ich wollte unbedingt ein Foto haben. Dann legten wir Suri in unsere kleine Kiste und verschlossen sie. Ich würde diesen Weg wieder gehen!

Meine Hebamme rief an und fragte, wie es mir ging. Ich erzählte ihr, wie froh ich über alles war. - Wie stolz auf uns alle. Und wie wunderbar es war, diesen Weg gegangen zu sein. Tränen die zu ihrer Zeit kommen, besitzen Heilkräfte. Es ist ein weiteres Urwissen, welches unser Körper und Seele als Frau besitzt, dem ich begegnen durfte: durch dieses Kind.

Nach ungefähr einer Stunde setzten heftige Nachwehen ein. Mit ihnen kamen wieder schwallartige Blutungen. Mein Kreislauf sackte ab. Ich versuchte ihn mit Obst und Glukose zu stabilisieren. Sven traute sich nicht, mir noch mal hoch zu helfen, um noch mal zu pressen zu versuchen. Ich konnte nicht klar sagen, ob mein Kreislauf weiter absinken würde. So vereinbarten wir, zur Sicherheit den Krankenwagen zu rufen und zur Überwachung die Klinik schauen zu lassen. Es war schwer abzuschätzen, wie viel Blut abging. Es war etwas mehr, als bei einer Regelblutung und ich vermute, es hinge auch etwas mit dem Wehentee zusammen. Oder eben, dass noch irgendetwas raus müsse. Meine Mutter kam um für die Kinder da zu sein. Sie sagte, dass ich es einfach gut gemacht habe. Dieser Satz war so wichtig für mich. Dann kamen die Sanis. Zwei sehr nette Männer. Mein Kreislauf fing an, sich zu stabilisieren. Aber Nachwehen mit Blutungen waren immer noch. Sie holten einen Tragestuhl und wir fuhren in die Klinik. Sven sollte schnell hinterher kommen. Das war mir wichtig! Ich hatte irgendwie Angst vor der Klinik und wollte nicht allein sein. Es tat gut, mit dem Sanitäter zu reden, der es gar nicht schlimm fand, diesen Weg zu gehen. Keine Vorwürfe. Ein ganz normales Gespräch über Geburt und was eben einfach passieren kann.

Gesprächsprotokoll 23.11.2010. KH

(Anruf Doula Sandra-Versuch-1017h)
Einsatz Wehen leicht gegen 1100h
(Anruf Sven gegen 1300h –ob er eher von der Arbeit kommen könne)
Sven kommt gegen 1400h und „übernimmt“ Rim
(Anruf Anjet 1418h) -> Wehen stark
Tageskind Rim wird gegen 1425h abgeholt
Suri Onta geboren gegen 1530h
(Anjet Rückruf 1544h) -> mir geht es richtig gut und ich bin so stolz auf mich und Sven!
Nachwehen setzen ein mit schubweisen Blutungen -> Kreislauf kritisch
Uta –Oma kommt gegen 1730h
Krankenwagen 1810h
Klinik Kreißsaal 1820h
(Anruf Anjet 1917h)
OP rein 2030h
OP raus 2115h
Suri Onta am 30.10.2010 an einem traumhaften Platz beerdigt

Die Sanis fuhren mit mir auf der Trage gleich an der Notaufnahme vorbei nach oben Richtung Kreißsaal. Wir hatten eine schöne Unterhaltung und gute Laune. Mein Kreislauf hatte sich während der Fahrt im Krankenwagen einigermaßen stabilisiert. Ohne zu klingeln wurde die Kreißsaaltür von einer Hebamme mit einem recht trüben Gesichtsausdruck geöffnet und ohne „Guten Abend“ o.ä. in barschem Ton gefragt, was wir hier wollten. Die Sanis meinten ganz gut gelaunt, sie haben mich eben gleich nach oben gefahren, weil ich Nachwehen nach einem Abort habe. In recht harschem Ton die Hebamme: „So was nehmen wir hier nicht. So etwas hat im Kreißsaalbereich nichts zu suchen!“. Wir standen immer noch im Krankenhausflur vor der Tür des Kreißsaales. Die Sanis schoben mich nun trotzdem rein. Ich wurde keines Blickes gewürdigt. Mein Blick in den Kreißsaalbereich verriet mir, dass zwei leer waren und im letzen bereits ein Baby schrie. Es gab keine Anzeichen, dass dort alle gerade irre viel zu tun gehabt hätten.
Ich wurde gleich vorn ins Ärztezimmer geschoben, in dem ich bereits eine Woche zuvor war. Eine Ärztin kam auch sofort, während ich von der Krankenwagentrage auf die Liege im Zimmer huschte. Die Sanis meinten zur Hebamme, dass ein freundlicherer Ton vielleicht etwas netter wäre. Dann verabschiedeten sie sich freundlich von mir und gingen, um den Papierkram zu erledigen. Die Ärztin stellte sich nicht vor. Bis jetzt zur Verfassung des Artikels weiß ich nicht einmal ihren Namen und werde ihn nachrecherchieren. Ich lag hinten im Raum, halb hinter der großen „Anlage“ für den Ultraschall. Die Ärztin saß an ihrem Schreibtisch an der anderen Seite des Raumes. Hatte mir keine Hand gereicht, ebenfalls kein „Guten Abend“ geschweige denn ein: „Wie geht es ihnen?“. Sie nahm meine Papiere in die Hand und ohne sich wirklich zu mir umzudrehen fragte sie in forschem Ton: „Und? Was sollen wir jetzt hier machen? Was haben sie sich da vorgestellt?“ Dies waren die ersten Sätze eines regelrechten Verhörmarathons. Ich musste erst einmal durchatmen, weil der ganze plötzlich sehr harsche Vorgang mich verwirrte und ich mich wie ein Schwerverbrecher behandelt fühlte. Meine Nachwehen waren etwas verhaltener, dennoch blutete ich nach wie vor schubweise stark und fand nicht wirklich eine bequeme Haltung auf der unbequemen Liege. Und weil ich nicht schnell genug antwortete, folgte die nächste herbe Anfrage: „Na? Was nun? Was sollen wir jetzt mit solch einer hier machen? Wie kann man die ganze Woche so blutend rumlaufen? Sie wollen also keine OP?“ –Ich war noch mehr irritiert. Ich sagte erstmal „Guten Abend“ und: „Ich habe die Wochen über keine weiteren Blutungen gehabt. Ich habe unser totes Kind zu Hause geboren. Anschließend ging es mir sehr gut. Bis die Nachwehen einsetzten und mein Kreislauf absank, was ich kritisch einschätzte und zur Sicherheit diesen im Krankenhaus stabilisieren lassen wollte und eben alles sonstige überwachen und checken…“ Barsch viel sie mir ins Wort: „Sie brauchen gar nicht so zu reden. Kind, Nachwehen…haben hier nichts zu suchen. Das ist keine normale Geburt! Das ist gestört! Wie kann man so etwas machen? Was haben sie sich dabei gedacht? Sehen sie, was sie davon haben! Und sie wollen jetzt keine OP?“ - Der Satz: „Was haben sie sich dabei gedacht?“ klang nicht wirklich interessiert. Dennoch versuchte ich hier anzusetzen und zu erklären: „Wir waren letzte Woche hier in der Klinik bei einer sehr netten Kollegin. Nach Blutungen, die beim Wasser lassen dann am Klopapier waren. Sie stellte den Tod des Kindes fest. Wir unterhielten uns viel und lange und mir war es sehr wichtig, die Natur so weit gewähren zu lassen, wie es mir gut ginge. Ich fühlte mich zu diesem Zeitpunkt gut und alle Werte sonst waren in Ordnung. Ich wusste, dass ich für meine Seele und einen gesunden Abschiedsweg Zeit brauchte. Und ich bin sehr dankbar, dass ich diese Zeit hatte –auch für die Geschwisterkinder. Ich habe auch in der Woche jetzt nie weiter geblutet. Die Ärztin letzte…“ „Welche Ärztin soll das gewesen sein? Hier im Haus? So was habe ich ja noch nie gehört! Was bilden sie sich eigentlich ein? Kind, Kind…sprechen sie nicht von Kind. Das sind tote Gewebereste, die entsorgt werden müssen! Es gibt Vorschriften! Und Natur! Es ist eine gestörte Schwangerschaft und hat in einer Frau nichts zu suchen! Sehen sie, was sie jetzt haben!“ „Aber ich habe doch nur Nachwehen mit Blutungen und der Kreislauf müsste beobachtet werden, sowie eine Untersuchung...?“ „Ist nichts normal! Es ist gestört! Und das alles hat auch nichts mit Nachwehen zu tun. Das können sie gar nicht vergleichen! Ich sehe ( -wohl gemerkt, die Ärztin saß immer noch an der anderen Seite des Raumes und ich hatte meine Hose an, die sicher auch mit Blut verschmiert war-) was da jetzt ist. Da brauche ich keine Untersuchung machen. Sie wollen also keine OP!“ In dem Moment kam die Hebamme: „Der Mann steht draußen und beschwert sich, weil er nicht rein darf. Wie soll denn bei so was ein Mann mit rein? Unmöglich!“ „Ich möchte ihn gern dabei haben und so war es auch ausgemacht!“ sagte ich fordernd. Kurz darauf kam er. Ich versuchte noch mal klar zu machen, dass ich nicht an ihrer Kompetenz als Ärztin zweifle, aber mir mein Weg für mein Inneres wichtig war und es zu keinem Zeitpunkt Anzeichen dafür gab, dass sofort Notschritte eingeleitet hätten werden müssen. „Ist wohl als einziges gut, dass sie auf ihr Seelenheil geachtet haben. Aber so was habe ich noch nie gehört! Wollen sie ein OP?“ wetterte die Ärztin weiter. „Warum eine OP? Ich habe das Kind ganz geboren. Mit Plazenta, die fast ganz sein dürfte. Und das ganze Kind mit geschlossener Fruchtblase….“ „Sehe ich alles, dass sie keine Ahnung haben. Sie wissen schon, dass wir im 21. Jahrhundert leben! So was gibt es heute nicht mehr! Und es ist ein Abort, kein Kind. Davon spricht man nicht! Es muss weg, weil es infiziert ist!“ „Sie wissen aber schon, dass viele Frauen genau wegen zu viel medizinischer Eingriffe in diesem Bereich auch schwer traumatisiert nach Hause gehen. Ich habe die Zeit gebraucht und mein Körper wusste das!“ „Sehe ich alles, was sie wissen. Und sie sehen, was sie davon jetzt haben! Wollen sie eine OP? Sie können gar nicht wissen, ob der ganze Fetus mit Fruchtblase im Abort war! In der Schwangerschaftswoche von 16- bis 18 kann der Körper das nicht! Ist nichts natürlich! Es ist eine gestörte Schwangerschaft und muss weg!“ „Ich weiß schon, was ich geboren habe und für uns ist es unser Kind gewesen! Immerhin bin ich in der Materie nicht ganz fremd! Und vielleicht erklären sie mir bitte, warum unbedingt eine OP!? Ich verstehe die Abfolge nicht. Warum wird nicht untersucht?“ „Sehe ich alles! Brauch ich nicht! Wollen sie nun eine OP oder nicht?“ „Aber warum? Wie kann man denn feststellen, dass noch etwas in der Gebärmutter ist?“ „Sehe ich alles. Habe ich ihnen schon erklärt: OP oder nicht? Ich habe über 20 Jahre Berufserfahrung. Ich habe noch nie so was gesehen und gehört…natürlicher Weg, den gibt es nicht!“ „Und wie viel Frauen haben sie begleitet, die nicht sofort ausschaben haben lassen, sondern gewartet, bis der Körper selbst mit Wehen einsetzt?“ „Das gibt es nicht! So was ist Unsinn. Der Körper macht da nichts! Es wird nur alles krank und es können sich Tumore bilden und Polypen. Ist immer so!“ „Aber wie viele Frauen haben sie begleitet, dass sie das so wissen, dass die Natur sich nicht selbst helfen kann?“ „Mache ich nicht! So einen Unsinn! Ich habe Berufserfahrung!“ „Aber dann wissen sie doch gar nicht, was noch alles möglich ist?“ „Das geht nicht! Ich weiß das!“ „Haben sie denn schon mal etwas darüber gelesen? Oder wie wichtig es für die Seele einer Frau ist? Ich muss danach doch noch leben können! Für meine Familie da sein. Und es gibt Statistiken, die ganz klar belegen, dass es natürlich geht und das Risiko von Komplikationen die gleichen wie bei einer Geburt sind oder eben auch, wie wenn man gleich eine Ausschabung vornimmt.“ „Das ist alles Unsinn! Wollen sie nun OP oder nicht? Wir haben unsere Richtlinien!“ „Aber warum eine OP? Wenn alles raus ist, muss ich doch nicht noch mal auf den OP Tisch? Ich verstehe das nicht?“ „Sehe ich alles was sie haben. (Sie sitzt nach wie vor an ihrem Schreibtisch einmal quer durch den Raum.) Man kann später im Ultraschall sehen, ob etwas entartet ist.“ „Aber dann muss man doch auch jetzt schauen können? Und vielleicht den Kreislauf stabilisieren und in den nächsten Tagen noch mal alles beobachten?“ „Das geht nicht. Entweder OP oder nicht. Ich habe meine Vorschriften und muss mit ihnen so reden. Sie sind eine schwierige Person!“ „Ich möchte einfach den Sinn verstehen, bevor ich in den OP gehe!“ „Also wollen sie keine! Sie müssen wissen, ob wir dann ihr Leben retten sollen, oder sie jetzt verbluten!“ „Im Moment fühl ich mich wieder recht gut. Mein Kreislauf ist kritisch, aber ich möchte wissen, was mit mir passiert. Und ich habe ein Recht darauf!“ „Sie wollen also prinzipiell keine OP!“ „Das habe ich nicht gesagt. Wenn es notwendig ist, muss es so sein. Aber ich möchte den Sinn verstehen. Ich kann keinen erkennen. Sie beharren auf ihre Richtlinien und sind der Meinung, dass sie alles einmal quer durch den Raum durch meine Hose hindurch sehen! So entstehen die meisten Ärzteirrtümer! Warum dieser Vorgang und es wird nicht erst einmal geschaut?“ „Es wird sowieso erstmal ein Ultraschall gemacht. Das sind die Richtlinien!“ „Aber warum sagen sie denn das nicht einfach gleich? Ich konnte den Vorgang nicht verstehen? Warum eine OP ohne vorher zu schauen? Ich stelle doch nicht ihre Kompetenz als Ärztin in Frage. Nur ihre Herangehensweise ist wenig respektvoll!“ „Sehen sie, sie sind eben eine schwierige Person! Sie wollen also keine OP. Ich mache die Unterlagen fertig und sie müssen unterschreiben, dass sie ihr Leben riskieren und dann krank werden! Schaue noch mit dem Ultraschall. Ziehen sie sich aus!“ „Ich möchte dann gern noch mit meiner Hebamme telefonieren und ggf. eine zweite Meinung einholen.“ „Machen sie, machen sie. Da kann ihnen keiner mehr helfen!“ –Sie bewegte sich das erste Mal nach fast einer ganzen Stunde furchtbaren Schlagabtausches auf ihrem Drehstuhl zu mir rüber an die Liege.
Die ganze Zeit lag ich dort in der Ecke auf meiner Liege und schlug eine Schlacht der Unmenschlichkeit eines Verhöres. –Nachdem ich unser Kind tot geboren habe und durchaus auch Angst vor der OP hatte. Erst recht, weil ich nicht wusste, mit welcher Unmenschlichkeit hier weiter vorgegangen wird. Die Ärztin machte einen Ultraschall…vaginal…wo ich kurz zuvor geboren hatte. Wenigstens verstand sie, dass ich dies als sehr unangenehm empfand. „Sehen sie, wie ich gesagt habe. Alles noch voll.“ „Das dürfte aber nur etwas Plazenta sein und Gebärmutterschleimhaut. Die muss doch auch mit jeder Regelblutung raus? Und das geht auch natürlich! Wofür habe ich denn die Nachwehen?“ „Diese sind nur, weil die Gebärmutter sich nicht zusammen ziehen kann. Weil der Vorgang gestört ist und alles noch voll ist. Von der Größe der Gebärmutter war es wohl die 17. oder 18 Woche. Vielleicht auch 16. Aber das geht nicht natürlich. Das bleibt sonst alles drin und wird krankhaft.“ „Aber wofür die Nachwehen? Die sind doch eigentlich dafür da, um nach einer Geburt die Plazenta raus zu transportieren und dann die Gebärmutter wieder zu „minimieren“!? Die Nachwehen müssen doch dann auch für das Rausbringen dieses Restes sein?“ „Sie können das nicht mit einer Geburt vergleichen. Das ist keine! Das ist eine gestörte Schwangerschaft und so riskieren sie ihr Leben! Sie kamen letzte Woche mit Blutungen und sind dann die ganze Woche so rum gelaufen. Sehen sie jetzt ihr Ergebnis.“ „Sie glauben doch nicht wirklich, dass ich die ganze Woche so geblutet habe? Ich weiß noch ganz gut, was Wahnsinn ist, und was natürlicher Fluss. Und vielleicht hören sie mir wenigstens diesbezüglich mal zu. Ich möchte bitte erstmal noch mit meiner Hebamme telefonieren!“ „Ich gebe ihnen nur 10 Minuten. Ihr Leben ist in Gefahr!“ Sie ging raus. Ich fühlte weder mein Leben in Gefahr, noch fühlte ich ungesunde Prozesse in mir. Ich fühlte mich zu schwach zum Aufstehen, um vielleicht einfach noch mal mit einer Nachwehe nachzupressen und das eine zusammenhängende Stück raus zu bringen, welches auf dem Ultraschallbild noch zu erkennen war. Sven rief Anjet, unsere Hebamme, an und ich berichtet ihr kurz, wie es jetzt in der Klinik aussah. Sie bestärkte mich noch mal in meinem Recht als Patient zur Not auch gehen zu können oder andere Wege einzufordern. Vielleicht die Nacht über in der Klinik abwarten, selbst auf den Kreislauf achten, Brühe trinken und morgen noch mal eine zweite Meinung einholen. –Die man eh einholen darf, wenn eine OP ansteht. Und den HB Wert checken lassen. Dann könne man wirkliche Rückschlüsse darüber ableiten, wie hoch der tatsächliche Blutverlust war. - Denn ich fühlte mich auch nicht übermäßig ausgeblutet! Ich verlor Blut, was ich kritisch betrachtete. Aber ich hielt es lang nicht für so viel, dass es mein Leben bedrohte. Vielmehr hielt ich es für einen leicht über normalen Blutverlust, nach einer Geburt, die ich mit Wehentee unterstütze. Ich überlegte mit Sven hin und her. Eigentlich wollte ich noch bis morgen warten und fühlte mich dafür auch fit genug. Mich kotzte der Kampf an und die enge Zeitspanne, die wir angeblich hatten. Unser größter Wunsch jedoch, unser Kind zu Hause zu gebären und es nicht zerstückelt absaugen zu lassen, war erfüllt. Ich wusste von Anfang an, dass es das Risiko der Curette zu jedem Zeitpunkt gab. Nur war für mich nach wie vor der Sinn nicht wirklich deutlich. Mir kam dieses ganze eben geführte Gespräch vor, wie in einem schlechten Film. Ich fühlte mich nur noch in Kampfhaltung, um nicht auch noch gleich als ein Stück humanitäres Etwas zu gelten. Ich musste mich darauf konzentrieren, wie ich mich legte oder setzte, um die Nachwehen zu veratmen. Und ich konnte mittlerweile keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ich versuchte nur zu überlegen, ob es wirklich sein muss und wie ich meine Seele darauf einstellen sollte.
Die Ärztin kam wieder rein und fragte. Ich sagte, ich würde gern genauer über die OP aufgeklärt werden: wie lang, was dann untersucht wird, wie die Narkose gehandhabt wird… Keine Minute später kam wie auf ein geheimnisvolles Kommando eine zweite Ärztin –ich kann mich vor lauter Verwirrung nicht erinnern, ob sie sich vorstellte, oder nicht- und meinte: „Na dann werden wir mal ihr Leben retten!“ Ich konnte diesen Satz nicht mehr hören. Er enthielt für mich mehr Hohn, als die ganzen Anschuldigungen in der Verhörzeit. Ich kenne meinen Körper ein Leben lang und fühlte mich nicht in Lebensgefahr. Sicher schätzte ich meinen Zustand kritisch ein. Ein Mensch in Lebensgefahr führt man weder einem Schauprozess vor noch diskutiert man mit ihm seine Machtansprüche aus. Fast eine Stunde Verhörtaktik zu vollziehen mit einer Frau, die man in Lebensgefahr wähnt, ist schon recht fragwürdig. Die zweite Ärztin fragte wenigstens, wie es mir ginge. Die Antwort wurde jedoch auch hier nicht wirklich gehört und daher brach ich im halben Satz ab. Schon wuselten tausend Zettel um mich herum. Einen Block, den die Ärztin abfragte, einen Block, den Sven mit mir ausfüllen sollte. Und die zweite Ärztin, die wuselnd mit einem Tablett voller Kanülen u.ä. umher werkelte. Die zuvor barsche Hebamme kam mit einem amüsanten Grinsen rein und Stellte den Tropf neben mich. Dass dieses Grinsen ebenfalls nicht gerade einen positiven Beigeschmack hatte, ist vielleicht verständlich. Man erklärte mir, dass der von mir angefragte HB Wert lange brauche, wie alle anderen Werte auch, und sie jetzt wirklich erstmal mein Leben retten müssen. Dann könne ich frühestens morgen nach Hause. Zuvor wurde mir versichert, dass ich nach ein paar Stunden wieder gehen könne. Auf mein Nachfragen sagte die Ärztin mir, dass es nicht ginge, weil meine Blutgruppe nicht bekannt sei. Da ich Blutspender bin, habe ich diese immer in der Hand und gab den Pass raus. Dann hieß es, dass es dennoch nicht ginge. Auf ein Warum kamen jeweils verschiedene Antworten, die für mich wenig plausibel klangen. Gemischt mit Fragen aus dem noch auszufüllenden Fragenkatalog. Ich war mir nach wie vor nicht sicher, wie sinnvoll diese OP sein sollte und konnte mich zu wenig mit der Frage beschäftigen, wie ich diese OP seelisch verkraften sollte. Es ist nicht gerade toll als Frau unter Vollnarkose vor einem Haufen fremder Menschen breitbeinig zu liegen und mit irgendwelchen Instrumenten in der Gebärmutter „bestochert“ zu werden. Es sind zwischen 10 und 20 Minuten, wenn alles gut läuft, an die du dich nicht erinnern kannst, wer dir da alles zwischen die Beine geschaut hat, während du angeschnallt auf einem Präsentierteller liegst. Ich fand die Vorstellung erschreckend.
Vom OP Team stellte sich lediglich der Narkosearzt vor. Alle anderen habe ich gelöchert, wer wie wo und wann welche Aufgaben hat. Immerhin stehen alle dann um mich herum. Bereits während dieses Gespräches lag ich dann breitbeinig auf dem OP Tisch. Wirklich eine würdevolle Basis…wenn ich dies etwas sarkastisch anmerken darf! Dann wurde ich fixiert und ich konnte die operierende Ärztin noch nicht sehen. Wie die Maske aufs Gesicht gesetzt wird, ohne zu wissen, dass man gleich das Gefühl hat, keine Luft zu bekommen, ist ebenfalls nicht wirklich prickelnd. Wenigstens sah ich in dem Moment noch die operierende Ärztin rein kommen.

Danach wachte ich nach Angaben meines Mannes bereits im Fahrstuhl auf und belegt alle Schwestern und begleitende Ärztin mit meinem Traum vom Gebärzimmer: wie man zusammen arbeiten müsse und das es wichtig sei, einen humanen Weg zu finden. Das es unbedingt Zeit wird, für Frauen eine Alternative zum Krankenhaus zu gestallten. Ich ratterte meine ganze Teamaufstellung runter. Anfangs noch lallend wiederholte ich angeblich alles x Mal, als habe ich immer wieder eine Geschichte vorgelesen. Danach ging es mir recht schnell gut. Meine Zimmernachbarin war nett und die Nachtschwester hatte viel Humor. Erst in der Nacht kamen Erinnerungen an das Gefühl des Ausgeliefertseins während der OP und das Wissen, dass genau diese Minuten im Kopf nicht abrufbar sind. Genau davor hatte ich Angst. Und da stand sie nun, genau diese Angst: groß und mächtig. Und mein einziger so wichtiger Trost war: unser Kind kam zu Hause zur Welt! Ein ganzer Körper in einer ganzen Fruchtblase, friedlich und würdevoll! Mit seinen Eltern und Geschwistern. Geboren, wo ein Kind geboren werden sollte.

…Ich hatte ein gutes Nachgespräch mit einem jungen Arzt der sich Mühe gab, meine Gedächtnislücke zu schließen. Das tat sehr gut. Es ist mir rätselhaft, wie eine Frau in dieser Abteilung so herb sein kann und ein Mann sich eher in die Sphäre einzufühlen vermochte. Und wie eine Hebamme solche Sätze formulieren vermag! Die Menschen sind eben einfach individuell. In der Gewebeuntersuchung konnte nachgewiesen werden, dass tatsächlich nur Gebärmutterschleimhaut und etwas Plazenta zurück geblieben waren. Und der bittere Nachgeschmack bleibt. Erst recht weil: der HB Wert nicht im Risikobereich lag und mir vielleicht einfach nur eine Ärztin oder Hebamme noch mal aufhelfen hätte müssen, um den letzten kleinen Rest rauspressen zu können. Denn diese Kraft hatte ich nicht mehr allein.
- Hätte dann noch eine OP sein müssen? Darf solch ein Vorgespräch für eine OP sein? Was, wenn ich noch nicht einmal mit meiner Trauer in Einklang gestanden hätte? Wo fängt eine menschliche Begegnung an, wenn man ein Kind tot geboren hat, dessen ersten Bewegungen bereits in der Seele einer Mutter verwurzelt sind? Welches Recht haben Ärzte/innen, über humane Vorstellungen einer Frau hier so zu urteilen? Wo hört Menschlichkeit auf? Ist das das 21. Jahrhundert?

Die Klink in der ich dies erleben durfte, ist eine als familienfreundlich zertifizierte Klinik mit extra ausgebildeter Stillberaterin auf der Wochenbettstation und werbend für alternative Betrachtungsweisen.

Zurück bleiben Fragen, wie menschliche Begegnung vor allem in Krisensituationen und medizinische Intervention gestaltet werden kann und sollte.

*DoulaImPuls*